Nietzsche. Tussen schaamte en schaamteloosheid

Tijdschrift Voor Filosofie 42 (3):443 - 481 (1980)
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Abstract

So wie jeder grosse Philosoph eine Grunderfahrung kennt, so gibt jede Philosophie eine Grundidee zu erkennen. Kennzeichen von Nietzsches Philosophie ist die Idee der Vornehmheit. Dieser Begriff vereinigt in sich, in der Form eines subtilen Gleichgewichts, den Antagonismus des Dionysischen und Apollinischen, des Begriffspaares aus seinem ersten Buch, das vorübergehend in den Hintergrund tritt, um schliesslich zurückzukehren in der rätselhaften Gestalt des Paares Dionysos-Ariadne. Die Erfahrung, die diese Idee genährt hat, ist die melancholische Sicherheit gewesen : dass der Mensch aufgehört hat vornehm zu sein, weil er als moralisches Wesen keine einzige Rechtfertigung mehr für das Leben hergibt. Erst in der Perspektive dieses Interesses und der entsprechenden Sehnsucht nach „einem Menschen, der den Menschen rechtfertigt", hat Nietzsche die Frage nach der Wahrheit einer radikalen Neubesinnung unterzogen. Warum ist in den Augen der Philosophen Wahrheit mehr wert als Schein ? Wenn Nietzsche den Unendlichkeitsanspruch der Erkenntnis übernimmt, so tut er das nur in der Absicht, als letzter Jünger des Gottes Dionysos - des Gottes dem es an Scham fehlt - ihren Untergang zu beschleunigen und „aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen". Erst dann braucht der Schein nicht mehr im Gegensatz zur „Realität" gedacht zu werden, sondern gilt er selber als die Realität, welche sich der Verwandlung in eine imaginäre „Wahrheitswelt" widersetzt. Denn sind wir nicht von Grund aus, von alters her - ans Lügen gewöhnt ? An dieser Stelle aber müssen wir fragen, ob mit dieser dionysischen Absicht das Ganze erfasst wird, ob die Enthüllung dieses Unternehmens als Zurückforderung des Scheins genügt, um zu verstehen was es heisst, den Schein sodann auch als Schein zu geniessen, ja zu achten, kurz, vornehm zu sein ! So ausschliesslich wie bislang die Schamlosigkeit von Nietzsches kritischem Unternehmen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, so wenig ist jene andere Seite seiner Philosophie beachtet worden, die man über eine Reihe verwandter Ausdrücke, deren prägnantester vielleicht Scham heisst, auf die Spur kommen kann. Entscheidend ist der Terminus „Schein". Schein lässt sich für Nietzsche assoziieren mit Wörtern wie Scham, Schleier, Mass, Oberflächlichkeit, Illusion, Rätsel, Ehrfurcht u.a., Wörter, die das miteinander gemeinsam haben, dass ein Abstand gewahrt wird, eine Distanz, die in gewisser Hinsicht einen Raum öffnet. Dem Scheine zugeneigt, sind nach Nietzsche die Kunst, die alten Griechen und die Frau. Wir dürfen deshalb vermuten, dass Nietzsche sich nach dem Scheine gesehnt hat als nach der Erscheinung, der gegenüber man Abstand gewahren muss. Alle Vornehmheit ist nach Nietzsche eine Sache der Scham. Distanz und Verheimlichung schätzt er ein als erste Zeichen der Tugend. Erst solche Scham aber ist wirklich vornehm, die die Schamlosigkeit voraussetzt ! Wenn die Griechen oberflächlich waren, so waren sie dies aus Tiefe. Hat Nietzsche selbst die Kritik schamlos hinaufgetrieben in der Absicht, den Schein zurückzufordern, so hat er dies genau aus dem Verlangen heraus getan, den Menschen an dem leeren Horizont wieder zu erheben als Mass und schamvolle Distanz. Viele Widersprüche in den Äusserungen Nietzsches sind zurückzuführen auf dieses Paradox, das selbst nichts anderes ist, als der Antagonismus des Dionysischen und Apollinischen. In der Mitte zwischen Argwohn und Ehrfurcht, Schamlosigkeit und Scham, hat er sein Fragezeichen aufgerichtet, das heute noch immer dasteht

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